Der Sinn des Lebens

Oder: Wie wichtig es ist, man selbst zu sein…

Mit dem Bachelor in Philosophie wird einem quasi der Gral der Weisheit verliehen. Zumindest scheinen sich das einige so vorzustellen.

Am Morgen danach wacht man auf und findet den Schlüssel zu allem Wissen unter seinem Kopfkissen. Wenn mich also jemand fragt: „Lisa, was ist der Sinn des Lebens?“ dann kann ich  nun, nach über vier Jahren Studium, mit Stolz verkünden: „Ich hab nicht die geringste Ahnung.“

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Es sind immer die Anderen.

Oder: Wie schwer es ist, das Urteilen los zu werden. 

Schräg gegenüber von mir sitzt ein Mann, die Hose beinahe bis unter die Achseln gezogen. Sieht das dämlich aus, denke ich, und gucke weg. Mein Blick schweift zur Bar. Dort sehe ich die Kellnerin. Ich bemerke, dass sie starke Schwierigkeiten hat den Engländer zu verstehen, der nichts weiter als einen Kaffee bestellen will. Es sind immer die Anderen. weiterlesen

Alleine. In der großen Welt.

Warum ein Selbstfindungstrip nur alleine möglich ist.

„Du reist alleine?“, ist meist die erste Reaktion, die ich zu hören bekomme. Wenn ich Menschen von meinem vergangenen Reisen erzähle oder von meinen zukünftigen Plänen, scheint das der faszinierteste Aspekt zu sein. Immer gefolgt von der Frage: „Und was machst du dann den ganzen Tag?“ Alleine. In der großen Welt. weiterlesen

Verloren & Entmutigt

Wie meine Selbstfindung begann.

Backpacking ist ein Abenteuer. Man lernt neue Menschen kennen, entdeckt andere Kulturen und probiert unbekanntes Essen. Großartig. Ich würde zurückkommen mit einem Koffer voller Erfahrungen, Eindrücke und Weisheiten. Über die Welt, und mich selbst. Ich würde die Grenzen meiner Gedanken, meines Verständnisses, meiner Vorstellungskraft erkunden.

„Life begins at the end of your comfort zone.“

– Neale Donald Walsch

Doch wer schon mal längere Zeit in einem völlig fremden Land war, der weiß auch, dass so eine Reise keine Fahrt durchs Schlaraffenland ist. Im Gegenteil: Sie ist anstrengend. Sau anstrengend. Zumindest, wenn man nicht nur Urlaub machen und am Strand entspannen will. Ich sag’s gern noch mal: Es ist anstrengend! (So, nu ist gut.)

Warum? Weil man sich auf nichts verlassen kann. Alle Gewohnheiten, jeder Alltag, vertraute Gesichter, routinierte Abläufe, selbst „normales“ Essen sind nicht verfügbar. Es ist einfach alles anders. Alles, und man muss jede Minute damit zurecht kommen. Man spricht die Sprache nicht, man weiß nicht, was man da eigentlich grade isst und auch nicht, wie man zu seinem nächsten Zielort kommen soll.

„Wer bis zum Hals in Scheiße steckt, sollte den Kopf nicht hängen lassen“, hat ein Freund von mir immer gesagt.

Wenn man sich das bildlich vorstellt, versteht man, warum. Doch gerade am Anfang meiner Reise war das schwer. Als ich die Bachelor-Arbeit geschrieben, oder besser: Als ich sie prokrastiniert habe, dann war Thailand immer meine Motivation. „Lisa“, hab ich zu mir selbst gesagt, „du musst nur noch das fertig bekommen und dann geht’s nach Thailand. Die Freiheit wartet.“

Zack!, habe ich weitergelesen. Als der große Moment der Abgabe endlich da war, blieb die erwartete Erleichterung aus. Aber das würde sich schon ändern, wenn ich erst in Thailand bin. Ich hatte mir das schon genau ausgemalt: Es ist schön warm und ich kann mit meinem Rucksack gemütlich durch Thailand spazieren, mir jeden Tag ein neues, schönes Hostel aussuchen, leckeres Essen probieren, entspannen und auf meinem Weg mich selbst finden, quasi am Straßenrand. Hach, herrlich. Ich müsste nur erstmal in Thailand ankommen.

Am Arsch! Nach einer vier Stunden Fahrt von Münster nach Frankfurt, einem fünf Stunden Aufenthalt am Flughafen, einem 11 Stunden Flug nach Phuket und einer weiteren Stunde Wartezeit auf das Visum war ich angekommen: In einem völlig fremden Land, mit einer Sprache, die ich nicht spreche, und keinem Plan. Absolut keinem Plan, wo ich hin soll und wo ich die Nacht verbringen werde und wie ich dort hinkomme.

Und es war heiß. So heiß, dass ich mich ab 13 Uhr nicht mehr bewegen konnte. Mein Rucksack war schwer und unbequem. Die Hostels waren hässlich und (für thailändische Verhältnisse) überteuert. Meine Füße taten weh, ich war überseht mit Mücken-Stichen, hab die ersten drei Nächte nicht schlafen können und das WiFi war eine Katastrophe. Zugegeben, das Essen war lecker, aber auch ein bisschen wie Lotto: Ich wusste nie genau, was ich serviert bekomme. Außerdem ist mein iPhone nass geworden und lag in einem Sarg aus Reis, um den ich trauernd herum gesessen habe und auf seine Auferstehung wartete. Sowas dauert für gewöhnlich ja drei Tage.

Zusammengefasst: Ich hatte keinen Bock mehr. Nach nur vier Tagen. Ich wollte nach Hause. Zu meiner Mama. Und meinem Freund. Ich wollte in den Arm, und auf den Arm. Aber das ging nicht. Zumindest nicht so einfach.

Also, was tun? Aufgeben? Heimfliegen? Es ist nicht so, dass ich nicht darüber nachgedacht hätte. Ich versank in Selbstmitleid und ohrfeigte mich mental für die Schnapsidee, alleine in ein 9.397 Kilometer Luftlinie entferntes Land zu reisen. Aber nun war ich schon in der Situation und fing an, nachzudenken: Was wollte ich denn eigentlich? Warum wollte ich diese Reise? In meinem Kalender stand von Ende Januar bis Mai: „Mein beruflich-persönlich-emotionaler Selbstfindungstrip“. Das war es! Ich wollte nach Thailand, um mich auf die Suche nach meinem Selbst zu begeben, um Freiheit zu genießen, um neue Erfahrungen zu machen. Ein Abenteuer erleben. Eine Geschichte, die es zu erzählen wert ist.

Aber das hier war kein Abenteuer. Das hier war die Hölle. Captain Jack Sparrow hatte ein Abenteuer. Nur kann ich mich nicht erinnern, dass der Probleme mit Moskito-Stichen hatte, oder auf der Suche nach der Black Pearl einen schweren Rucksack schleppen mussten oder sein iPhone im Wasser versenkt hat. Der hatte einfach nur ein großes Abenteuer. Zumindest, wenn man davon absieht, dass er fast gehängt worden wäre.

Ich fing an, mich selbst zu fragen: Wie genau hatte ich mir diese Selbstfindung denn eigentlich vorgestellt? Einfach, würde ich sagen. Eigentlich, dachte ich, hatte ich mich schon gefunden, ich müsste meine Vorstellungen von mir auf meiner Reise nur bestätigen lassen. Eine Fehleinschätzung, wie sich herausstellte. Ich sah mich mit einer brutalen Realität konfrontiert, die ich nicht erwartet hatte.

Ich fühlte mich einsam, schutzlos, schwach. Verloren und entmutigt. Meine Fassade hatte ich, abseits der alltäglich Gewohnheit und dem damit verbundenen Nutzen, fallen gelassen und fand dahinter ein Ich, dass ich nicht erwartet hatte und nicht kannte. Ich wollte ja die Wahrheit über mich entdecken, aber es sollte sich doch bitte nicht so beschissen anfühlen. Mehr wie ein Spaziergang, durch Blumenwiesen.

„If it’s easy, it’s not worth it“, sagte Roman, mein Mitbewohner in Ao Nang, angelehnt an ein Zitat von Theodore Roosevelt.

Roman schlief zwei Betten entfernt von mir und verbrachte die Nachmittag genauso gern im Schatten wie ich. In unserem Dormroom kamen wir ins Gespräch: „I consider myself a philosopher“, begann er die Konversation. Es gab für mich keine Möglichkeit, nicht darauf anzuspringen. Ich erzählte ihm von meinem Gefühl, meinen Sorgen, meinen Erkenntnissen über mich selbst.

Es ist oft so viel leichter seine innersten Gedanken einem Fremden anzuvertrauen, als einem guten Freund. Ein Fremder hat noch kein Bild von mir und auch keinen emotionalen Bezug. Deshalb können ihn meine Aussagen weder enttäuschen noch verletzen. Er urteilt auch nicht und benutzt die neuen Erkenntnisse auch niemals gegen mich, und wenn doch: Ich sehe ihn schließlich nie wieder.

In der Tat, Roman war ein Philosoph. Kein akademischer, kein gelehrter, kein wissenschaftlicher. Nur einer, der dem Leben die richtigen Fragen stellt, ohne eine Antwort zu erwarten. Er erzählte mir, dass er mein Gefühl die ersten sechs Monate seiner Reise hatte und oft daran dachte, sich ein Flugticket zu kaufen und nach Hause (Kanada) zu fliegen. Aber er hat es nicht getan, und dafür bewundere ich ihn. Er ist nun seit sieben Monaten unterwegs und hat viele Menschen kennengelernt. „Die meisten Menschen“, erzählte er, „kommen hier hin, um sich selbst zu finden. Aber das ist nur eine Ausrede, um diese Reise zu machen. In Wirklichkeit wollen sie nichts über sich erfahren. Sie spielen einfach weiter sich selbst – nur eben in Thailand.“

Wir diskutierten fast eine Stunde und waren in unserer Meinung völlig einig. Ich zog viel Mut und Kraft aus unserem Gespräch, denn Roman ermutigte mich, weiter zu machen. Mir war von Anfang an klar gewesen, dass ein Selbstfindungstrip nicht einfach sein kann. Zumindest in meinem Kopf war das klar gewesen. In der Realität traf es mich wesentlich härter, als ich es für möglich gehalten hätte. Aber an diesem Punkt gab es keinen Weg zurück.

“Auch der weiteste Weg beginnt mit einem ersten Schritt.”

– Konfuzius

Der Startschuss dafür war bereits gefallen. Ich war losgerannt, und hatte die erste Hürde erfolgreich umgerissen, mich verheddert und bin im Staub über den Boden gekullert. Metaphorisch, natürlich. Jetzt gab es nur zwei Möglichkeiten: Laut nach Mama rufen und sich von den Sanitätern von der Bahn tragen lassen oder aufstehen und weiter rennen.

Ich wusste, dass es noch viele Hürden geben würde, und das mich viele von ihnen gnadenlos in die Knie zwingen würde. Oder mich viel eher wie einen Marienkäfer auf dem Rücken hilflos rum strampeln lassen würden. Aber diesmal würde es anders sein. Eine Weisheit, die uralt ist und trivial erscheint, war mir plötzlich in ihrer Ganzheit verständlich geworden:

„Der Weg ist das Ziel.“

– Konfuzius

Es geht nicht darum, irgendwann irgendwo anzukommen. Ich würde nicht eines Tages aufwachen, mit dem Gral der Weisheit unter meinem Kopfkissen, und mich selbst gefunden haben. Mein Fehler war es, zu glauben, dass erst alles besser ist und ich mich selbst finde, wenn ich in Thailand angekommen bin. Als ob mein Ich am Flughafen von Phuket sitzt und auf mich wartet. Nein, es würde eine lange Reise werden. Ich würde mir mein Ich hart erarbeiten müssen. Auf schmerzhafte Art und Weise. Aber ich würde lernen, jeden einzelnen Schritt davon zu genießen.

Ich dachte eine Weile nach. Über mich, und über Romans Worte.

Dann stand ich auf und rannte los.

Tausche Seele gegen Urlaub

Pressefahrten. Das ist ein Thema, da kann man ganze Abende mit den Kollegen aus dem Journalismus füllen. Bestechung, schreien die einen. Kostenloser Urlaub, die anderen. Moralischer Codex versus schlechte Bezahlung unseres Berufsfeldes. Ich selbst war mir da nicht sicher: Die Vorzüge eines finanzierten Urlaubs schienen mir zu überwiegen. Ich bin eben Student, und mein letzter richtiger Urlaub war schon eine Weile her. Nun musste mich nur noch irgendwer einladen

Die Gelegenheit dazu kam schneller als gedacht. Das Segelunternehmen „Holland Sails“ wollte zu ihrem fünfjährigen
Jubiläum einen Segelausflug veranstalten. Von Makkum nach Harlingen, zum Tallship Race. Drei Tage auf dem Segelschiff „Grote Beer“, mit Übernachtung, und Essen. Optimal. Da musste ich hin. Nur wie?

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